Von kletternden Schnecken

Seit über einem Jahr treffen sich Kita- und Grundschulkinder der Neckarstadt-West im ersten Mannheimer Weltraum. Was seither in der Lernwerkstatt passiert ist, lesen Sie in unserer Reportage.

„Guckt mal! Meine hat nen Turbo“, ruft Neho aufgeregt. Gespannt beobachtet er, wie seine Schnecke auf dem Pappteller herumkriecht. Auch Alaydin und Ferhat schauen auf. Doch können sie auch messen, wie schnell die Schnecke wirklich ist? Gemeinsam untersuchen sie nun erstmal die Funktionsweise von Sanduhren, während sich Ferhats Schnecke daran macht, über den Tellerrand zu klettern.

Neho, Alaydin und Ferhat gehen in den Kindergarten Erlenhof in der Neckarstadt-West in Mannheim. Gemeinsam mit anderen Vorschulkindern und ihrer Erzieherin Ingrid Baier treffen sie sich alle zwei Wochen mit der Lehrerin Antje Hafezi in der Humboldt Grundschule. Heute sind außer ihnen auch die Kinder des Katholischen Kinderhauses St. Theresia in den Weltraum gekommen. Gemeinsam wollen sie hier zum Thema Schnecken forschen. „Wir können uns den Schleim anschauen oder untersuchen, welche Farben das Schneckenhaus hat.“, hat Amitis gleich vorgeschlagen. Die Kinder sprudeln nur so vor Ideen.

Im November des letzten Jahres ist der Weltraum in der Humboldt Grundschule eröffnet worden. Neben Lehrerinnen und Lehrern, den Erzieherinnen und Kooperationspartnern waren jede Menge Kinder zur Feier gekommen. Und die haben auch gleich losgelegt und die Lernwerkstatt für sich entdeckt. „Obwohl der Raum gefüllt war, war es unwahrscheinlich ruhig“, berichtet Ingrid Baier, „Wir mussten gar nichts sagen, eingreifen oder vorgeben.“ Die Kinder haben gleich angefangen, mit den ausgelegten Materialien zu forschen und kamen so „auch miteinander in den Dialog“, erzählt die Kita-Leiterin begeistert.

„Über das Ausprobieren fangen die Kinder ganz von alleine an zu reden“

Neho hat seine Schnecke unterdessen auf ein Blatt Papier gesetzt, lässt sie von einer Seite zur anderen kriechen und beobachtet dabei gespannt die Sanduhr. Plötzlich ruft Amitis „Lauras Schnecke isst Salat!“, das müssen natürlich alle sehen. Aufgeregt gruppieren sie sich um Lauras Tisch. „Wenn ich durch die Lupe schaue, wird die Schnecke größer“, stellt Eleni währenddessen fest und Dila versucht zaghaft, ihre Schnecke am Haus hochzuheben, um sie auf den Teller zurückzusetzen. Auch Wiktoria ist konzentriert bei der Sache und teilt ihre Beobachtungen mit ihrer Sprachbegleiterin. Eigentlich spricht sie nicht viel, „doch beim Forschen hat Wiktoria keine Berührungsängste“, freut sich ihre Erzieherin.

Sprachentwicklung ist neben dem Übergang von der Kita in die Grundschule einer der Schwerpunkte des Weltraums in der Mannheimer Neckarstadt. „Über das Ausprobieren fangen die Kinder ganz von alleine an zu reden“, sagt Nicole Joiner, Leiterin des Katholischen Kinderhauses St. Theresia. Sie lernen, ihre Fragen zu formulieren und Erlebtes in Worte zu fassen. „Die Kinder sind ja auch stolz und wollen den anderen erzählen, was sie erforscht haben“, begründet Gabriele Wurl den Lernerfolg. Die Prozessbegleiterin hat die Lernwerkstatt gemeinsam mit Ingrid Baier und Nicole Joiner, Andreas Baudisch, dem Rektor der Humboldt Schule und Sybille Schwab von den Reiss-Engelhorn-Museen gegründet. „Wir haben den Zuschlag von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung bekommen und gleich losgelegt“, lacht sie. Und das schon lange bevor sie den eigenen Raum in der Grundschule hatten.

„Als Gabriele Wurl auf mich zukam, habe ich gleich gesagt, da machen wir mit. Da entwickeln wir etwas“, erzählt Sybille Schwab und holte denWeltraumkurzer Hand erstmal ins Museum. „Stück für Stück haben die Kinder hier alles erforscht“, sagt sie. Und die jungen Forscherinnen und Forscher waren mit Begeisterung bei der Sache: „In welches Museum gehen wir heute? In die Musikausstellung?“ fragen sie ihre Erzieherinnen, obwohl die meisten von ihnen vorher noch nie in einem Museum waren. „Es ist toll, wenn das für die Kinder so normal wird“, freut sich Gabriele Wurl.
 

Der Blick über den Tellerrand
 

Mit 22.000 Einwohnern ist die Neckarstadt-West der größte Stadtteil Mannheims. Viele Kinder kommen aus bildungsbenachteiligten Familien und lernen erst im Kindergarten deutsch. „Problematisch wird es, wenn sie auch ihre Muttersprache nicht gut beherrschen“, sagt Ingrid Baier. „Viele der Eltern hier sind einfach überfordert, kommen aus einer anderen Kultur, sprechen die Sprache nicht oder haben keine beruflichen Perspektiven“, beschreiben die Initiatoren desWeltraums die Situation. „Der Blick über den Tellerrand ist wichtig. Grade für unsere Kinder, für die der Teller sehr klein ist“, sagt Nicole Joiner. „Viele der Kinder kennen nur ihren Stadtteil, sind noch nie mit der Straßenbahn gefahren oder in der Innenstadt gewesen“, bestätigt Ingrid Baier. Gerade deshalb ist den Verantwortlichen die Lernwerkstatt mit ihren Kooperationspartnern – Reiss-Engelhorn-Museen und Planetarium – so wichtig. Nur so können Ängste und Hemmschwellen abgebaut werden. „Auch viele Mütter waren noch nie in einem Museum“ und kennen die Angebote überhaupt nicht, fügt Gabriele Wurl hinzu.

Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Weltraum in der Humboldt Grundschule etabliert und ist aus der Neckarstadt-West nicht mehr wegzudenken. Neben dem Katholischen Kinderhaus St. Theresia und der Kita Erlenhof kommen nun auch Kinder aus allen anderen Kitas des Viertels in die Lernwerkstatt. Nachmittags nutzt der Leseladen des Interkulturellen Bildungszentrums Mannheim (IKUBIZ) den Raum und es gab einen Besuch einer Seminargruppe der Universität Mannheim: „Eine Studentin ist auf uns aufmerksam geworden. Sie wollte etwas über das Thema Kreativität referieren und hat ihrer gesamten Gruppen und dem Professor den Weltraum gezeigt“, erzählt Gabriele Wurl stolz. Und doch sind sich die Initiatoren einig: „Wir stehen noch ganz am Anfang.“ Sie möchten die Kooperationen ausbauen und stecken voller neuer Pläne. „Wir wollen die Potenziale des Stadtteils noch mehr nutzen“, erklärt Gabriele Wurl. Zum Beispiel über die Eltern, wie Herrn Baji, den Vater von Neho – ein Musiker, der auch schon für die Söhne Mannheims gespielt hat und nun manchmal im Weltraumgemeinsam mit den Kindern trommelt.
 

Kita und Schule – Gemeinsam für einen erfolgreichen Übergang
 

„Es ist toll, wie wohl sich die Kinder hier in der Schule fühlen“, sagt Antje Hafezi. Als Kooperationslehrerin ist sie an der Humboldt Grundschule für die Zusammenarbeit mit den Kitas zuständig. Ein gelingender Übergang ist an der Humboldt Schule schon lange ein Thema, betont Andreas Baudisch. Auch deshalb war er sofort begeistert, als Gabriele Wurl ihm von der Ausschreibung für den Weltraum erzählte. „Das hat genau gepasst“, sagt er. Vor allem dass die Kooperation in der Schule stattfinden sollte, hat ihm gefallen. Und als Anfang des Jahres die Realschule aus dem Gebäude auszog, sicherte er direkt ein Klassenzimmer für den Weltraum. „Für die Kinder ist es jetzt schon vollkommen normal, dass sie in die Schule kommen“, freut sich Antje Hafezi. Und auch die Pädagoginnen und Pädagogen profitieren von der intensiveren Kooperation. „Wir haben jetzt einfach mehr Zeit“ uns auszutauschen und Dinge besser zu besprechen, erzählt die Kooperationslehrerin. Das kommt natürlich wieder den Kindern zu Gute.

Aber nicht nur die Kleinen sollen gut in die neue Institution begleitet werden: „Wir wollen bei den Eltern Verständnis für die Schule wecken, sie ihnen begreifbarer machen“, betont Andreas Baudisch. Denn gerade Eltern, die selber keine erfolgreiche Schullaufbahn hinter sich haben oder aus anderen Kulturkreisen kommen, brauchen eine intensive Begleitung beim Übergang ihrer Kinder in die Schule, betont auch Gabriele Wurl.
 

Der Blick von außen
 

„Wir sind auf einem guten Weg“, sind sich die Beteiligten sicher. Das liege auch an der erfolgreichen Zusammenarbeit mit der Prozessbegleiterin, betonen sie. „Es ist sehr hilfreich, dass Gabriele Wurl als Externe das Ganze koordiniert und mit aufbaut“, bringt es Andreas Baudisch auf den Punkt.  Die Netzwerktreffen mit Akteuren anderer Welträume waren immer eine Bereicherung: „Die Lernwerkstätten der anderen Einrichtungen zu sehen, war toll“, schwärmt Nicole Joiner. Und Ingrid Baier fügt hinzu: „Der fachliche Austausch mit Leuten, die wir sonst nie getroffen hätten, war unwahrscheinlich motivierend.“ Besonders stolz sind die Mannheimer, dass das letzte Netzwerktreffen bei ihnen in der Neckarstadt-West stattgefunden hat und sie den anderen zeigen konnten, was sie aufgebaut haben.
 
Nach der Forschungsphase setzen sich die Kinder noch einmal in einen Kreis und berichten von ihren Beobachtungen. „Wir haben geguckt, wie schnell die Schnecken sind“ und „Wir haben den Schleim gesehen“. Die Kinder sind zufrieden. „Meine Schnecke ist ganz viel gelaufen“, sagt Evangelia stolz. Aber können denn Schnecken laufen? Die anderen helfen schnell: „Kriechen heißt das bei Schnecken.“ Amitis robbt über den Boden, um den Unterschied zu demonstrieren und Neho erklärt: „Deshalb haben sie den Schleim“.

„Gehen wir wirklich schon zurück?“, fragt Ferhat dann und verzieht den Mund. Doch eigentlich sind sie alle Kinder vom vielen Forschen müde und kehren jetzt in ihre Kita zurück. Schließlich kommen sie ja wieder. „Ich bin gerne hier“, betont Laura nochmal und nimmt die Hand von Ingrid Baier, ihrer Erzieherin.

Reportage von Senem Kaya, Foto: DKJS/Arndt Herrmann

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