"Offene Denkräume, Zeit für Experimente"

© DKJS/M. Hastenteufel

Heike Hagelgans setzt sich in ihrer Forschung mit Fragestellungen rund um individualisierte Lernangebote für Underachiever (Minderleister) auseinander. Im Interview berichtet sie von ihren Ergebnissen mit der Methode des forschenden Lernens.

Was macht für Sie die Methode des forschenden bzw. forschend-entdeckenden Lernens aus? Wo sehen Sie die Vorteile? Wo sehen Sie Grenzen des Ansatzes?

Die Kinder machen durch das forschend-entdeckende Lernen die Erfahrung etwas zu können – und das in einem vollständigen Aneignungsprozess. Da es zumeist in kooperativen Formen stattfindet, erleben sie das Gefühl von Eingebundensein. Das forschend-entdeckende Lernen bietet offene Denk- und Experimentierräume an, die mehrere Denkarten unterstützen und Freiräume unter verschiedensten Aspekten schaffen. Damit erleben sich die Kinder als selbstbestimmt. Nicht weniger wichtig ist, dass das forschende Lernen die Weiterentwicklung von Selbstkompetenzen unterstützt, die auf das Lernen einen großen Einfluss haben. In das forschende Lernen kann eine Portfolioarbeit und eine Lernbegleitung durch die Lehrperson gut integriert werden. Grenzen bestehen in der zeitlichen Gestaltung des Schultages, die möglicherweise mit der Eigenzeit der Kinder kollidiert. Ein entscheidender Aspekt für das forschende Lernen ist eine positiven Einstellung bei den Lehrkräften sowie dafür geeigneter didaktisch-methodische und auch diagnostische Kompetenzen. Die Kinder brauchen dazu eine entsprechende Lernhaltung und adäquate Lernmethoden.  

Was bedeutet das für die Kinder? Welche Erkenntnisse über die Wirksamkeit des Ansatzes haben Ihre Praxiserfahrungen und Ihre Forschung hervorgebracht?

Wir setzen das forschend-entdeckende Lernen in der schulischen Förderung  von sogenannten Underachievern (Minderleister) ein. Wir stellen fest, dass die Kinder dadurch wieder zu Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft zurückfinden und auch Selbstvertrauen erneut aufbauen können. Gleichzeitig werden sie durch strukturierende Hinweise in ihrer Selbstregulation unterstützt, so dass sie selbstorganisiert eine Aufgabe zu Ende führen können. Sie schätzen die Freiräume und die Möglichkeiten von kreativen Eigenproduktionen.

Was brauchen Pädagoginnen und Pädagogen um dieses Unterrichtsprinzip einzusetzen?

Es bedarf dazu der Planung und Gestaltung entsprechender Lernumgebungen. Das kann bisweilen sehr zeitintensiv und aufwändig sein. Meistens wird zusätzliches Material zum Experimentieren benötigt. Im Unterricht ist dann eher die Rolle von Lernberatung und Lernunterstützung gefragt. Gleichzeitig bedarf ein offenes Lernen auch offener Formen der Leistungsermittlung und Leistungsbewertung, in die die Schülerinnen und Schüler eingebunden sein sollten.

Wie kann das Unterrichtsprinzip in den Regelunterricht und Schulalltag integriert werden? Welche Chancen und Herausforderungen entstehen dadurch?

Unsere Erfahrungen zeigen, dass es günstig ist, dieses Unterrichtsprinzip in kleineren Schritten und im Team-Teaching einzuführen. Von Vorteil ist natürlich, wenn daran mehrere Lehrkräfte beteiligt sind und sich durch eine entsprechende Kooperation unterstützen können. Hilfreich ist es auch, wenn der Schultag entsprechend rhythmisiert ist und es keinen 45-Minuten-Unterrichtstakt gibt. Für die Lehrkräfte ist es notwendig, immer wieder selbst neugierig zu bleiben und Ideen für forschendes Lernen in der Lebenswelt zu entdecken und diese dann sinnvoll didaktisch aufzubereiten, also selbst einen forschenden Geist in sich zu bewahren. 

Diese komplexen Lernumgebungen schaffen günstige Voraussetzungen für eine natürliche Differenzierung – ein didaktischer Vorteil gerade im Feld heterogener Lerngruppen.

Wie können insbesondere leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler von dem Ansatz des forschenden Lernens profitieren?

Kinder mit Lernproblemen bedürfen in der Regel eines stärkeren strukturierten und angeleiteten Vorgehens. Dazu nutzen wir zur Unterstützung ein Team-Teaching aus Schul- und Sozialpädagogik. Die Sozialpädagogin fungiert dabei als individuelle lernmethodische Begleitung der Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig erweitern wir dazu das klassische Setting des forschend-entdeckenden Lernens und bauen Phasen für die explizite Arbeit an Selbstkompetenzen ein. Mithilfe dieser sozialpädagogischen Lernbegleitung ist es uns möglich, Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf (beispielsweise Asperger-Autismus) positive Lernerfahrungen in einer kleinen Schülergruppe zu ermöglichen. Des Weiteren nutzen wir im Bedarfsfall ein Peer-Tutoring. Wir stellen fest, dass es auch für diese Schülerinnen und Schüler wichtig ist, an diesen Lernvorhaben in der Gemeinschaft teilzuhaben. Darin können sie ebenfalls die Erfahrung von Sach-, Selbst- und Sozialkompetenz machen und das Gefühl von Eingebundensein erleben.

Mehr über die Forschungsarbeit von Heike Hagelgans finden Sie hier.

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