Mehr Motivation durch forschendes Lernen

Das forschende Lernen erleichtert und bereichert den Unterricht – die Kinder sind motiviert, engagiert und aktiv. Das bestätigt im Gespräch auch Prof. Dr. Hilde Köster, Professorin für Grundschulpädagogik und Sachunterricht an der Freien Universität Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Bildungsprozessen im Rahmen des forschenden, selbstbestimmten und selbstorganisierten Lernens von Kindern.

Was macht für Sie die Methode des forschenden bzw. forschend-entdeckenden Lernens aus? Wo sehen Sie die Vorteile? Wo sehen Sie Grenzen des Ansatzes?

Durch das forschende Lernen können angeborene Verhaltensweisen wie Neugier, die Lust am Spielen, das Explorieren und die Freude am Erkunden gezielt im Unterricht aktiviert und damit deren Potentiale auch für das schulische Lernen genutzt werden. Die Vorteile dieser Methode liegen also auch darin, dass die Kinder auf Kompetenzen zurückgreifen können, die sie bereits seit ihrer Geburt entwickelt und sehr erfolgreich angewendet haben. Das ist schon ein entscheidender Faktor für die Ausprägung von Motivation. Die Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, was wie lange erforscht werden soll, ermöglichen darüber hinaus das Gefühl von Selbstbestimmtheit. Selbstbestimmtes Lernen führt zu positiven Haltungen und Einstellungen gegenüber dem Lernen und den Inhalten.
Grenzen des Ansatzes sehe ich dort, wo den Kindern nicht genügend Zeit eingeräumt wird, ihren eigenen Fragen und ‚Forschungen’ nachzugehen.

Was bedeutet das für die Kinder? Welche Erkenntnisse über die Wirksamkeit des Ansatzes hat Ihre Forschung hervorgebracht?

Wir vergleichen in unseren Untersuchungen den Grad an Engagiertheit bei Kindern in unterschiedlich stark gesteuerten Experimentiersituationen und stellen fest, dass die Engagiertheit der Kinder signifikant höher ist, wenn sie selbst Entscheidungsfreiräume haben und kreativ werden können. Wir sehen auch, dass die Engagiertheit mit der Ausprägung eines vertieften Interesses zusammenhängt und damit, dass die Kinder – einmal an das selbstbestimmte und kreative Arbeiten gewöhnt – dieses immer wieder einfordern. Das forschende Lernen macht also Freude und motiviert zum Weiterforschen. Welche Auswirkungen dies auf den Erwerb von Kompetenzen hat, werden wir in einem weiteren Schritt genauer untersuchen.

Was brauchen Pädagoginnen und Pädagogen um dieses Unterrichtsprinzip einzusetzen?

Diejenigen Pädagoginnen und Pädagogen, die den Schülerinnen und Schülern forschendes Lernen ermöglichen, begegnen ihnen mit einer unterstützenden Haltung. Sie sorgen dafür, dass die Lernumgebung das Forschen ermöglicht und beobachten die Kinder, um ihnen bei Bedarf weiter zu helfen. Der erfolgreiche Einsatz der Methode des forschenden Lernens ist auch abhängig davon, dass es Materialien und Medien gibt, die forscherische Aktivitäten und schöpferisches Handeln überhaupt möglich machen. Was dafür genau benötigt wird, hängt von den zu erforschenden Phänomenen ab. So brauchen die Kinder Schaufeln und Gefäße, um Boden zu erkunden, Mikroskope und Lupen, um Insektenflügel zu untersuchen, Bechergläser, Pipetten und Trichter, um Flüssigkeiten zu erforschen. Daneben sollten Möglichkeiten zur Recherche gegeben werden, aber vor allem Zeit. Forschendes Lernen erfordert Ruhe, um sich wirklich auf ein Phänomen, einen Gegenstand oder ein Themenfeld einzulassen. Um zum Beispiel zu beobachten, wie ein Löwenzahn wächst, braucht es schon mehrere Wochen – nicht der ständigen Beschäftigung, aber der stetigen.

Ist das forschende Lernen im Primarbereich anders einzuordnen als in der Sekundarstufe? Welche spezifischen Herausforderungen stellen sich in unterschiedlichen Klassenstufen?

In der Grundschule geht es zunächst darum, die Welt kennen zu lernen, vielfältige Erfahrungen zu sammeln und dabei eigenen Fragen nachzugehen. Die Kinder lernen im Unterricht auch Wege und Verfahrensweisen kennen, die sich gut eignen, um Fragen erfolgreich nachzugehen oder Probleme zu lösen. In der Sekundarstufe kann auf diesen Fähigkeiten bereits aufgebaut werden. Zwar ändern sich die Ziele nicht wesentlich, aber die Inhalte können schon spezifischer sein, das fachliche Niveau der Beschäftigung höher, und der Grad an Abstraktheit größer.

Wie vermitteln Sie den Ansatz des forschenden Lernens in der Lehrerausbildung?

Die Studierenden setzen sich mit Theorien und Ansätzen zum forschenden Lernen auseinander, erleben aber auch selbst, wie es ist, sich mit einem weitgehend unbekannten Inhalt längerfristig forscherisch auseinander zu setzen. In semesterbegleitenden Projekten erforschen sie beispielsweise, warum das Eisen im Blut nicht rostet, unter welchen Bedingungen Seifenblasen platzen bzw. lange haltbar gemacht werden können, ob Menschen Temperaturen wahrnehmen können oder welches Sozialverhalten die Ameisen im Uni-Garten zeigen. Die theoriegeleitete (Selbst-)Reflexion über diese Art des Lernens und den Effekten dieser Methode auf Engagiertheit, Motivation, Interesse und dem Aufbau von fachlichen, fachdidaktischen und methodischen Kompetenzen gehört zu den bedeutendsten Aufgaben im Studium.

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