Jedes Kind ist begabt

Abwechslungsreiche und innovative Unterrichtsformen zeichnen eine gute Schule aus. Methoden wie das forschende Lernen ermöglichen Schülerinnen und Schülern individuelle und spannende Lernwege, bei denen ihre Fragen im Mittelpunkt stehen. Wie dieses Unterrichtskonzept an Ganztagsschulen erfolgreich eingesetzt werden kann, war Thema in einem Workshop auf dem diesjährigen Transferforum des Programms Ideen für mehr! Ganztägig lernen. in der Potsdamer Staatskanzlei.

Immer mehr Schulen in Deutschland sind Ganztagsschulen – doch keine ist wie die andere. Aber was macht eine gute Ganztagschule überhaupt aus? Darüber diskutierten die Teilnehmer auf dem 5. Transferforum in der Potsdamer Staatskanzlei. Zu der Fachtagung des Programms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." kamen rund 230 Vertreter aus allen Ländern, Politik, Verwaltung und Praxis zusammen. In Salons und Workshops diskutierten sie über Qualitätsrahmen, multiprofessionelle Teams, Steuerungsmöglichkeiten oder neue Lernkulturen.

Die Qualität einer Schule zeigt sich im Lernerfolg ihrer Schülerinnen und Schüler. Bei der Frage, wie jedes Kind individuell lernen kann und dabei seine Talente und Kompetenzen entdeckt und entwickelt, rücken offene Unterrichtsformen in den Fokus. Im Workshop „Mit forschendem Lernen Kompetenzen fördern – wie Lernen spannend und lebensnah wird“ stellten die beiden Referentinnen -
Ruth Jakobi, Schulleiterin der Grundschule Forsmannstraße aus Hamburg und Dr. Kristina Calvert vom Verein "Philosophieren mit Kindern Hamburg e.V." - ihre enge Kooperation vor und zeigten, wie dieses Unterrichtsprinzip in der Praxis umgesetzt werden kann.

Mit forschendem Lernen Kompetenzen aktivieren und fördern

Zum Warmwerden waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst gefordert: Aus einer vorbereiteten Sammlung von Postkarten mit ganz unterschiedlichen Motiven wählten sie eine aus und stellten ihre Wahl vor. Im zweiten Schritt ordneten sie ihre Karte nach den Fragen "Welche Karte passt und warum" anderen Karten zu. So wird Vorwissen aktiviert und Kompetenzen wie das Assoziieren und Verbinden von Begriffen, Kreativität, konvergentes Denken und Kommunikation gefördert. Beim forschenden Lernen kommt der Lehrkraft eine begleitende Rolle zu und so unterstützen die beiden Referentinnen mit gezielten Nachfragen: "Was haben Sie genau gemacht? Welche Kompetenzen haben Sie dabei eingesetzt?"

In diesem Selbstversuch erleben die Teilnehmerinnnen und Teilnehmer, wie das forschende Lernen auch außerhalb der MINT-Fächer eingesetzt wird, beispielsweise bei religiösen oder pädagogischen Fragestellungen. Denn das forschende Lernen baut auf konstruktivistischer Pädagogik auf, erklärt Dr. Kristina Calvert. Man folgt dem philosophischen Dreischritt und gibt den Kindern eine direkte Rückmeldung. Ein Merkmal des forschenden Lernens ist es, dass mit dieser Methode ganz unterschiedliche Schülerinnen und Schüler angesprochen werden und zum Lernerfolg kommen. An der Grundschule Forsmannstraße hat sich dieser philosophierende Einstieg etabliert - zum Einstieg in das forschende Lernen wird drei Mal mit dieser Methode in jeder Klasse philosophiert.

Rahmenbedingungen für offene Unterrichtsformen

Zur Implementierung einer offenen Unterrichtsform gehören auch strukturelle Bedingungen und Impulse: In Hamburg machte sich die Grundschule Forsmannstraße 2005 mit dem Schulentwicklungsprojekt „Schmetterling“ der Schulbehörde Hamburg auf den Weg, bei dem Begabungs- und Potenzialentfaltung den Schwerpunkt bildeten. Dabei waren zwei Hypothesen die Grundlage für die Ausrichtung der Schule: 1. Jedes Kind ist begabt, 2. Wenn ein Kind keine Begabung zeigt, haben wir noch nicht ausreichend gesucht! Diesen Leitsätzen entsprechend wurde an der Grundschule der Regelunterricht umstrukturiert und schrittweise individualisiert, unter anderem über Wochenpläne. Außerdem beschäftigen sich alle Schülerinnen und Schüler über sechs Monate hinweg in zwei Doppelstunden pro Woche mit einer selbst gewählten Forscherfrage beziehungsweise mit einem Forscherprojekt.

Damit bildet das forschende Lernen ein wichtiges Modul im Angebot der Grundschule Forsmannstraße. Doch die Offenheit des Ansatzes führte im Kollegium der Grundschule zu kritischen Fragen, ob die Methode für alle Kinder geeignet und in der Breite umsetzbar sei. Die Praxis des forschenden Lernens liefert die Argumente für diese Unterrichtsform: Durch die intrinsische Motiviation für ihr Forscherprojekt steigt bei den Schülerinnen und Schülern die Einsatzbereitschaft und die Frustrationstoleranz. Sie recherchieren eigenständig und bearbeiten ihre Fragen zu Hause weiter. Damit fügt sich das Unterrichtsprinzip in das Konzept des personalisierten Lernens ein, wie es unter anderem von Marlies Krainz-Dürr vertreten wird. Die Unterrichtsplanung entspricht dem Modell der Eieruhr von Andreas Müller: Für die Lehrkräfte bedeutet das eine zeitaufwändige Vorbereitung, relativ wenig Arbeitsaufwand während der eigentlichen Arbeitsphasen, wohingegen für die Nachbereitung ein höheres Pensum zu erwarten ist.

"Was macht Dich glücklich?"

Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, eigene Fragen zu entwickeln, ist ein zentraler Punkt beim forschenden Lernen. Der Workshop lieferte hier konkrete Vorschläge. „Was macht Dich glücklich?“ ist beispielsweise eine gute Frage, um intrinsische Motivation zu erzeugen. Die Lehrerinnen und Lehrer sind dann gefordert, die Fragen stehen zu lassen und bei immer neuen Forscherfragen zu begleiten. Um den eigenen Forscherweg reflektieren zu können, dokumentieren die Schülerinnen und Schüler ihre Schritte, Ideen und Gedanken in einem Forscherbuch, auf das sie immer wieder zurückgreifen – gerade wenn es an einem Punkt nicht weiterzugehen scheint.

Die Kooperation der Grundschule Forsmannstraße und des Vereins "Philosophieren mit Kindern" zeigt, wie das forschende Lernen den Schulalltag gestaltet und das Potenzial von Schülerinnen und Schülern entfaltet. Und dieser Ansatz eignet sich nicht nur für Grundschüler: "Ich arbeite auch mit weiterführenden Schulen zusammen – und immer wieder aktiviert diese Methode Schülerinnen und Schüler und ermöglicht ungewöhnliche Projekte", berichtet Dr. Kristina Calvert.

 

Weitere Informationen zum Transferforum und zum Programm Ideen für mehr! Ganztägig lernen. finden Sie hier.

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