„Beim forschenden Lernen schaffen Schüler ihre eigene Mathematik!“

Prof. Dr. Matthias Ludwig ist seit 2012 wissenschaftlicher Begleiter im Programm Mathe.Forscher Rhein-Neckar. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz berät er zehn Schulen bei der Anwendung des forschenden Lernens im Unterricht. Er hat den Lehrstuhl für Mathematikdidaktik an der Goethe-Universität Frankfurt/Main inne.

Was macht für Sie das forschende Lernen aus?

Das Tolle ist, dass die Schülerinnen und Schüler Feuer fangen. Weil die Motivation intrinsisch ist, betreiben sie das forschende Lernen mit großer Begeisterung. Forschendes Lernen hat vor allem bezogen auf die Naturwissenschaften immer den gleichen Kreislauf: Man beobachtet ein Phänomen, untersucht das Phänomen systematisch, zieht daraus Schlussfolgerungen und versucht dann diese Schlussfolgerungen zu festigen indem man ein Experiment macht. Daraus ergeben sich dann neue Fragen, wie in der wissenschaftlichen Forschung auch.

Wie wirkt sich das forschende Lernen auf den Unterricht aus?

Das verändert den Unterricht für beide – Lehrer und Schüler. Die Lehrkraft ist beim forschenden Lernen genauso neugierig wie ihre Schüler, aber sie weiß auch ganz viel über ihr Fach. Und weil sie viel weiß, kann sie damit umgehen, wenn sie auf eine Frage einmal keine Antwort hat. Ein Schüler oder eine Schülerin kann mit der Methode des forschenden Lernens jemand werden, der Fragen stellt und diesen nachgeht. Jemand, der weiß, wie man Antworten bekommt, seine Ergebnisse präsentieren kann und daraus Schlussfolgerungen zieht. Dann schaffen Schülerinnen und Schüler Eigenes und kreieren zum Beispiel eigene mathematische Begriffe. Durch das forschende Lernen erkennen sie, dass sie Mathematik selbst gestalten können. Das ist der große Vorteil dieser Methode, denn die Lernenden verabschieden sich von der Einstellung, dass Mathematik einfach da ist und nicht verändert werden kann.

Wie würden Sie das forschende Lernen im Vergleich zu anderen Unterrichtsmethoden wie dem Projektlernen einordnen?

Projektlernen und forschendes Lernen haben viel gemeinsam. Gemeinsam ist, dass man am Anfang eine Fragestellung hat, die im Idealfall von den Schülerinnen und Schülern kommt. Setzt man die Methode zum ersten Mal ein, wird der Lehrer oder die Lehrerin vermutlich Fragestellungen vorgeben. Bezogen auf das Fach Mathematik ist die Fragestellung im forschenden Lernen stark fachmathematisch orientiert und weniger außermathematisch, während man beim Projektlernen mit rein mathematischen Fragestellungen nicht soweit kommen wird. Projekte sind im Normalfall interdisziplinär und gehen über die Mathematik hinaus. Wenn man beide Methoden verbindet, hat man eine gute Mischung. Gerade die strukturierte Gruppenarbeit bei der Projektarbeit, bei dem zum Beispiel jeder Schüler eine feste Rolle und klare Aufgaben bekommt, ist eine bereichernde Ergänzung zum Forschenden Lernen. 

Wie ordnet die Hattie-Studie das forschende Lernen ein?

Die Hattie-Studie brachte einige überraschende Ergebnisse hervor. Zum Beispiel sagt die Studie deutlich, dass offene Lernformen nicht so förderlich sind wie „direkte Instruktion“, also klare Ansagen und starke Führung. Gleichzeitig zeigt diese Studie auch, dass man besser lernt wenn man hochmotiviert ist. Und hier greift wiederum die Methode des forschenden Lernens oder das Projektlernen. Auch wenn Kritiker sagen, dass das forschende Lernen als eher offene Lernmethode keinen großen Einfluss auf die Lernleistung hat, wird das durch die hohe Motivation wieder ausgeglichen. Und dadurch, dass ich als Lehrer selbst stark motiviert sein muss um diese Methode durchzuführen. Denn das hat Hattie ganz klar gezeigt: Auf den Lehrer kommt es an, darauf wie er seinen Unterricht gestaltet. Und forschendes Lernen heißt nicht, dass Schülerinnen und Schüler machen können, was sie wollen. Sondern es gibt häufig klare Vorgaben und es ist klar strukturiert. Dann setzt der Lehrer auch im Rahmen dieser Methoden „direkte Instruktionen“ ein.  

 

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